STRESSTEST: Deva Schubert und Francesca Ferrari

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In Kollaboration mit dem Züricher Kollektiv Perrrformat, das sich der jungen, progressiven Performance-Kunst verschrieben hat, lädt das DOCK 20 die beiden Tänzerinnen und Choreografinnen Deva Schubert und Francesca Ferrari nach Lustenau ein. Den gesamten Juli über werden die beiden Künstlerinnen in Lustenau leben, proben, recherchieren und arbeiten an ihrem Projekt „STRESSTEST“, das am 5.9. Premiere feiern wird. Wir haben die beiden vorab zum Kennenlernen getroffen.
 

Interview: Perrrformat & Anne Zühlke



 


Hallo Deva und Francesca, stellt euch doch kurz vor. Wie sind aus euch die Künstlerinnen geworden, die ihr heute seid? Woher kommt die Lust für die Arbeit mit und am Körper?


Deva &Francesca: Wir sind Deva Schubert und Francesca Ferrari. Wir arbeiten beide als Choreographinnen und Performerinnen. Uns verbindet insbesondere das Interesse für die Arbeit mit der Stimme als choreographisches Instrument. Architektur und bildende Kunst sind das Referenzsystem, in dem wir uns neben unserer tänzerischen Ausbildung choreographisch bewegen.
 

Ihr habt für die Performance “Glitch Choir” schon miteinander gearbeitet. Wie ist eure Zusammenarbeit entstanden und was schätzt ihr am kollaborativen Arbeiten?
 

F: Deva ist vor eineinhalb Jahren zu einem Showing einer meiner Arbeiten in der Akademie der Künste in Berlin gekommen. Ich habe ihr eine Zitrone im Zuge meiner Performance gereicht, wir haben sie gemeinsam gegessen und uns im Anschluss über die Stimme als künstlerisches Medium ausgetauscht. Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt und infolgedessen die Idee, gemeinsam eine Arbeit zu realisieren.

D: Es war ein kleinteiliger Prozess. Wir haben begonnen, uns bei individuellen Arbeiten zu begleiten und standen im engen Austausch. In meiner Performance „Glitch Choir", welche bei den Tanztagen 2024 in den Sophiensaelen Berlin aufgeführt wurde, haben wir dann das erste Mal konkret zusammengearbeitet.
 

Im Rahmen der Residency findet nun eure erste gemeinsame Stückentwicklung statt. Was hat euch dazu bewogen, den gesamten Prozess als Duo zu denken?
 

D: Eine gute Kollaboration ist das wichtigste für meine eigene Arbeit.

F: Kollaboratives Arbeiten ist ein wesentlicher Teil meiner künstlerischen Praxis. Wir stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander und lassen uns durch die Kollaboration auch auf einen Aushandlungsprozesse über Perspektiven auf die Welt ein. Das modernistische Künstler-Genie halte ich für obsolet. Ich stelle mir den Rechercheprozesse immer als folgendes Bild vor: Wir sind gemeinsam auf einem Spielplatz und reagieren auf die andere Person. Wir testen, wir biegen ab, wir verweilen, wir handeln Kompromisse aus. Allein neigt man dazu, immer wieder auf bestimmten Schnellstraßen unterwegs zu sein. Gemeinsam können wir driften.

Welche Themen beschäftigen euch in eurer individuellen Praxis als Künstlerinnen und wie fügen sich diese in der Kollaboration zusammen?


F: Mich beschäftigen Choreografien sozialer Ordnung. Alltäglichkeiten. Die kritische Auseinandersetzung mit Repräsentation. Soziale Muster des Sinnlichen. In meiner letzten Solo-Arbeit habe ich mich mit Sprachlosigkeit und wie sie durch sozio-politische Apparate erzeugt wird, auseinandergesetzt. „Feelings of distress are privatised“, wie der britischen Sozialforscher und Kulturwissenschaftler Mark Fisher es formuliert hat. Mit „STRESSTEST“ nähern wir uns den Auswirkungen von ökonomischen, urbanen und sozialen Infrastrukturen und neoliberalen Paradigmen auf Körper.

D: In meiner künstlerischen Praxis erarbeite ich einen Dialog zwischen Tradition und Vergangenheit und Fragen der Technologie und der Zukunft, indem zum Beispiel traditioneller Folklore-Tanz und künstliche Intelligenz verbunden werden. ich untersuche aus einer queer-feministischen Perspektive, wie lokale Traditionen unsere Stimmen und Körper prägen und wie durch Brüche in der Technologie, wie beispielsweise Glitches, aus diesen Normen ausgebrochen werden kann. In unserer Kollaboration schaffen wir eine Synthese aus unseren unterschiedlichen Körper- und Stimmpraktiken und suchen nach einer gemeinsamen Sprache, die jedoch nicht dieselbe ist.

F: Mir gefällt die Spannung, die zwischen formalen und konzeptuellen Zugängen entstehen kann, aber auch die Konstruktion von theatralen Praktiken. Es gibt die künstlerische Konvention, immer ein bestimmtes stringentes Bild mit der eigenen Praxis zu erzeugen. Aber ich mag die Ambivalenz. Aktuell schaue ich mir die letzten Arbeiten des kürzlich verstorbenen Intendanten der Volksbühne Berlin, René Pollesch an, um seinen Zugang zu Sprache und Körper zu verstehen.

Der Arbeitstitel eures Projektes lautet „STRESSTEST“. Das klingt intensiv.

D&F: Das wird es auch. „Take your pants off before you fight” (Dance Piece III – Yoko Ono).

In eurer Bewerbung für die Residency nimmt das Medium Stimme eine zentrale Rolle ein. Was interessiert euch an der menschlichen Stimme als Medium? Wie kann sie im Feld der Performance und Choreografie eingesetzt werden?

D: Mich fasziniert sie als Material, weil ich Tanz und Stimme immer zusammen denke. Als meine Oma 2018 verstorben ist, habe ich angefangen zu jodeln. Sie hat oft gejodelt und so kam es mir vor, als würde ich ihre Stimme in mir weitertragen. Das hat mich zu meiner eigenen Stimme geführt. Ich habe die Angst vor ihr verloren und begonnen, sie in meine künstlerische Praxis zu integrieren. Seitdem lerne ich verschiedene Techniken, um meine Stimme anders einzusetzen, wie zum Beispiel mit Obertongesang und Kehlkopfsingen, um die Grenzen von Klang und Kommunikation auszuloten.

F: Wir nutzen unsere Stimme selbstverständlich und tagtäglich. Sie bestimmt unsere Relationalität, transportiert Emotionen, versucht über die konkrete Lautbildung sprachliche Inhalte verständlich zu machen; scheitert daran, vermittelt sich über ihre Leerstellen und sinnlichen Texturen. Ich habe mit fünf Jahren mit einer klassischen Gesangsausbildung begonnen, bevor ich zum Tanzen kam. Ich denke die Stimme, so wie Deva, sehr körperlich. Meine körperlichen Zustände und Bewegungen nehmen Einfluss auf meine Stimme und vice versa. Genau wie der Resonanzraum, den mein Körper bildet und der durch meine meine Umwelt stark beeinflusst wird. Was passiert, wenn wir diese Räume technisch, aber auch emotional manipulieren? Zuletzt habe ich über einen Vocoder mit Polyphony, also einer Mehrstimmigkeit, gearbeitet. Gerade interessieren mich besonders howling (dt. heulen), gasping (dt. schnappen), Dissonanzen und humming (dt, summen). Daraus entwickle ich eine oral choreography. You are giving me your ears to experience something.

D: Die menschliche Stimme bietet in Performance und Choreografie vielfältige Möglichkeiten. Sie ergänzt Bewegung als Ausdrucksmittel und formt eine Klanglandschaft. Durch die Integration von Stimme in die Bewegung entsteht eine tiefere Verbindung und eröffnen sich neue Wege der Resonanzforschung. Mich faszinieren vokalen Verzerrungen und kollektive Stimmen und/als Störgeräusch. Welche Art von Chor entsteht in der Dissonanz der Frequenzen?

Im Rahmen der Residency entsteht eine Arbeit für den öffentlichen Raum. Sie wird erst in Lustenau zu sehen sein und im Anschluss in Zürich. Was reizt euch an diesen Orten? Interessieren euch strukturelle Unterschiede zwischen dem urbanen und dem ländlichen Raum?

D&F: Wir verlassen für „STRESSTEST“ gezielt die Geschütztheit eines Studios und begeben uns in drei Resonanzräume in der Umgebung Lustenaus: Ins Gsieg-Obere Mähder, eines der Natura-2000- Schutzgebiete, zum Einkaufszentrum Kirchpark und vielleicht auf das Dach des Pontenblocks. Einen Ort zum Schutz gefährdeter Arten, einen Ort der Begegnung und des Konsums sowie ein Grenzraum und Ort der (künstlerischen) Neuausrichtung. An diesen Orten initiieren wir eine Serie von choreografischen Tests. Die Parameter, die wir untersuchen, sind Körper, Stimme und Raum. Wir werden mit unseren Körpern im öffentlichen Raum sichtbar werden und diese werden nicht dem Code alltäglicher Bewegung folgen. Das wird Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ist eine Herausforderung. Wir hoffen, dass sie zu Begegnungen mit der lokalen Bevölkerung führen, die unsere künstlerische Recherche weiter informieren. Die Orte in Zürich werden wir während der Residency scouten.

Ein lange wenig beachteter Aspekt der Performance-Kunst war ihre Dokumentation. Inzwischen spielt das Festhalten der ephemeren Kunstform eine wichtige Rolle, hat sich fast zu einer eigenen Gattung entwickelt. Wie arbeitet ihr mit diesem Privileg/Problem?

F: Ich habe es zu Beginn meiner Laufbahn oft versäumt, ausreichend an die Dokumentation meiner Arbeiten zu denken. Geblieben sind Schnipsel von Smartphone-Aufnahmen der Zuschauer:innen. Artefakte, die für den institutionellen Apparat wie beispielsweise kuratorische Anfragen aber unbrauchbar sind. Mittlerweile denke ich Dokumentation als notwendigen Teil meiner Arbeiten mit. Trotzdem langweilen sie mich in dieser Form. Durch die mediale Übersetzung geht der Live-Moment, die Vereinbarung, einen Raum für eine bestimmte Zeit zu teilen, verloren. Eine Atmosphäre, die sich über die Körper legt und sich zwischen ihnen entfaltet, kann nur schwer aus einer Guckkastenperspektive vermittelt werden. Dieser Aspekt muss von vornherein künstlerisch mitgedacht und inszenatorisch ins Zentrum gerückt werden.

D: Die Dokumentation von Performance ist ein herausforderndes Gleichgewicht zwischen dem Festhalten flüchtiger Momente und der Bewahrung ihrer Einzigartigkeit.

In drei Worten, worauf dürfen sich die Zuschauer:innen in Lustenau und Zürich einstellen?

D&F: Sensible – Stress – Punk.

 

 

Biografien

 

Deva Schubert ist Künstlerin, Tänzerin und Choreografin mit den Fokus auf vokale Praktiken. Ihre künstlerische Ausbildung führte sie von der Bildenden Kunst an der Kunsthochschule Kassel zu Tanz und Choreografie am HZT, Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz in Berlin und Kopenhagen. In ihren Arbeiten erforscht sie vor allem die Dynamik von Interaktionen und nutzt verschiedene Technologien als performative Werkzeuge an der Schnittstelle von Installationen, digitalen Medien und Performances - dort, wo Tanz und Stimme verschmelzen. Ihre Arbeiten wurden in verschiedenen Formaten und an verschiedenen Orten präsentiert, darunter in der Kunsthalle Zürich, der Gessnerallee, dem Uppsala Art Museum, Transmediale 2023 sowie dem Radialsystem Berlin. Im Jahr 2020 nahm sie am internationalen DanceWEB Fellowship teil. Ihr aktuelles Projekt "GLITCH CHOIR" hatte im Juni 2023 in den Reinbeckhallen Berlin Premiere und eröffnete die Tanztage 2024 in Sophiensälen sowie Impulstanz im mumok Wien. In Koproduktion mit Dance Base Yokohama wurde das Stück in Japan weiterentwickelt.

Francesca Ferrari (*1995) (she/her) ist Choreographin, Tänzerin und Performerin. Ferraris künstlerische Praxis begann als Kind auf der Rennbahn ihrer Großmutter in Sizilien. Mit ihren Arbeiten war sie unter anderem in der Akademie der Künste Berlin, Zentralwäscherei Zürich, brut Wien, Concéntrico Architecture and Design Festival, ACUD MACHT NEU Berlin, Studio Hannibal Berlin und dem Auftakt Festival zu Gast. Als Tänzerin war sie in Arbeiten von Doris Uhlich (Britney X Festival, Schauspielhaus Köln) und Deva Schubert (Tanztage Berlin Sophiensaele, 8:tension, ImPulsTanz Wien) zu sehen. Sie arbeitet mitunter am HZT Berlin für den MA SODA unter Janez Janša und Sandra Noeth. Ferraris Arbeiten untersuchen Choreographien sozialer Ordnung in einem Drift durch Körper, Stimme, bildende Kunst und Text. Ferrari studierte an verschiedenen Kunsthochschulen in Wien und Berlin zeitgenössischen Tanz, Performance und kritische Theorie.

 

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