2026.3: Jala Wahid
Laufzeit: 4.10.2026–16.1.2027
Eröffnung: 3.10.2026, 18:00
Jala Wahid arbeitet mit Skulptur, Installation, Film, Sound und Text. Ihre Praxis untersucht die Nachwirkungen von Imperialismus und Kolonialismus anhand von Kontinuitäten des Wissens und der Politik. Ausgehend von umkämpften Geschichten, Archiven und persönlichen Erfahrungen bringt sie Wissensformen zusammen, die häufig voneinander getrennt gedacht werden: institutionelle Forschung und gelebte Erfahrung, wissenschaftliche Technologien und verkörperte Erinnerung, politische Strukturen und intime Familiengeschichten.
Forschung bildet einen zentralen Bestandteil von Wahids Praxis. In institutionellen und persönlichen Archiven untersucht sie die materiellen Spuren kolonialer Geschichte und deren fortwirkende Konsequenzen. Ihre Recherchen umfassen Archäologie als koloniales Unterfangen, militärische Forschung zu Tarn- und Stealth-Technologien sowie die Entwicklung von KI-Systemen zur Erkennung von Tarnung an europäischen Grenzen. Anstatt diese Themen als unabhängige technologische Phänomene zu behandeln, nutzt Wahid persönliche und familiäre Erzählungen, um die Nähe zwischen scheinbar voneinander getrennten Systemen herzustellen.
Im Zentrum ihrer kommenden Ausstellung bei DOCK 20 steht ein anhaltendes Interesse am menschlichen Körper: als Beweismittel, als Ort der Wissensproduktion, als etwas, das überwacht und interpretiert wird, aber auch als etwas, das sich Versuchen der Klassifizierung entzieht. In ihrer Videoarbeit tritt diese Spannung besonders deutlich in ihrer Auseinandersetzung mit KI-gestützter Lügenerkennung hervor. Technologien, die entwickelt wurden, um Emotionen zu quantifizieren, werden der Geschichte der Flucht ihrer Eltern aus Süd-Kurdistan in das Vereinigte Königreich gegenübergestellt, die sie über den Iran und Österreich führte. Ihre Erfahrung des Grenzübertritts, geprägt von Unsicherheit, Angst, Improvisation und Intimität, eröffnet eine andere, grundlegend verkörperte Form des Wissens. Sie verweist auf eine Art von Stealth (dt. Tarnung), die sich nicht auf eine Formel, ein Diagramm oder ein technologisches System reduzieren lässt.
Das Video „ungovernable“ (2026) bewegt sich zwischen diesen unterschiedlichen Wissensformen und verbindet militärische und wissenschaftliche Forschung mit archäologischen Bildern, Fragen nach Farbe und der persönlichen Geschichte von Migration. Es entsteht ein Raum, in dem historische Ereignisse, technologische Entwicklungen und individuelle Erfahrungen beginnen, einander zu bedingen. Fragen werden gestellt, ohne immer eindeutig erkennen zu lassen, an wen sie gerichtet sind, und verunsichern dadurch die angenommene Position der Betrachter:innen als außenstehende Beobachter:innen. Die Arbeit fragt danach, was es bedeutet, Wissen über Körper zu produzieren, wer die Autorität besitzt, dies zu tun, und was geschieht, wenn Systeme der Grenzüberwachung auf andere Bereiche des alltäglichen Lebens ausgeweitet werden.
Archäologie fungiert im Video nicht lediglich als Verweis auf die Vergangenheit, sondern als Methode, um darüber nachzudenken, wie Geschichte konstruiert, bewahrt und sichtbar gemacht wird. Persönliche Erinnerung, Emotion und gelebte Erfahrung verkomplizieren die vermeintlich objektiven Fakten, durch die Körper und Geschichten gelesen werden. Der Arbeit liegt ein Verständnis von Zeit als zyklischem und nicht als linearem Prozess zugrunde. Technologien verändern sich, Grenzen werden neu organisiert und Überwachungsmethoden zunehmend ausgefeilter. Indem Wahid Erfahrungen, die Jahrzehnte voneinander entfernt liegen, in einem gemeinsamen Feld platziert, macht sie Kontinuitäten zwischen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar und fragt zugleich danach, welche Erfahrungen daraus entstehen können.
Wahid positioniert die Betrachtenden nicht außerhalb der von ihr untersuchten Systeme; vielmehr fordert die Arbeit dazu auf, darüber nachzudenken, wie wir bereits in diese Systeme eingebunden sind. Fragen von Überwachung, Migration, Wissen und Autorität reichen über ihre unmittelbaren Kontexte hinaus, während selbst scheinbar abstrakte Themen wie Farbe durch ihre unterschiedlichen Verwendungen und Bedeutungen politisch aufgeladen werden. Auf diese Weise eröffnet Wahids Arbeit eine weiterführende Untersuchung darüber, wie Macht produziert, verkörpert und erfahren wird – und wie alternative Wissensformen die Autorität jener Systeme infrage stellen können, die versuchen, uns zu definieren.
Jala Wahid lebt und arbeitet in London, Großbritannien. Sie studierte am Goldsmiths College und der Royal Academy of Art in London. Sie hatte Einzelausstellungen unter anderem bei Sophie Tappeiner, Wien (2026), Niru Ratnam, London (2024), im GAK Bremen (2023), im Kunstverein Freiburg (2023), im Tramway, Glasgow (2023), sowie im BALTIC Gateshead (2022). Ihre Arbeiten waren zuletzt in Gruppenausstellungen zu sehen, darunter im MK Gallery, Milton Keynes (2024), im Stavanger Art Museum, Norwegen (2023), im Goldsmiths CCA, London (2022), im CAPC Musée d’art contemporain, Bordeaux (2020), im SculptureCenter, New York (2019), im Arnolfini, Bristol (2019), im De La Warr Pavilion, Bexhill (2019) und im Nottingham Contemporary (2018). Von 2012 bis 2019 war Wahid Mitherausgeberin des SALT. Magazine. Ihre Arbeiten befinden sich in privaten und institutionellen Sammlungen weltweit, zuletzt unter anderem bei Lafayette Anticipations, Paris, und FRAC Grand Large, Dunkerque.